Gegen die Armut aufstehen: Armut ist kein Schicksal. Jede*r kann etwas dagegen tun!

Wenn die Caritas Vorarlberg ihren druckfrischen Wirkungsbericht präsentiert, macht das einerseits deutlich, wie vielfältig und nachhaltig die soziale Arbeit für Menschen in verschiedenen Notsituationen wirkt und ihr Leben ins Positive verändert – gleichzeitig wächst angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Dynamiken die Sorge, wie sich die Armutssituation in Vorarlberg weiter entwickeln wird. Die Caritas initiiert daher einen Bürger*innenrat, um den fachlichen und werteorientierten Diskurs zwischen Zivilgesellschaft, Expert*innen und Politik zum Umgang mit der Armutsentwicklung zu beleben.

„Es ist leider wie ein Naturgesetz, dass in Zeiten von Krisen und großen Veränderungen Menschen mit weniger Ressourcen früher, härter und anhaltender getroffen werden. So überrascht es nicht, dass auch die Krisen der vergangenen Jahre ihre Spuren in der sozialen Lage von Menschen hinterlassen haben“, hält Caritasdirektor Walter Schmollyim Rahmen eines Pressegesprächs fest und nennt einige markante Zahlen, in denen sich die sozialen Krisenfolgen abbilden: 

  • 2021 waren in Österreich noch 1,8 Prozent der Menschen von manifester Armut betroffen, 2024 waren es 3,7 Prozent - also eine Verdoppelung in drei Jahren. Auf Vorarlberg heruntergebrochen heißt das: Zumindest 14.000 Menschen müssen in manifester Armut, also mit schwerwiegenden Entbehrungen leben.
  • Laut der Krisenfolgen-Erhebung der Statistik Austria haben Ende 2025 elf Prozent der Menschen mit ihrem laufenden Einkommen kein Auskommen für ihren Lebensalltag gefunden.
  • Überdurchschnittlich stark von Armut betroffen sind Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre: Fünf Prozent leben in Haushalten, die von manifester Armut betroffen sind. In der Caritas-Beratungsstelle „Existenz & Wohnen“ ist die Zahl der Kinder in Haushalten, die auf existenzsichernde Hilfe angewiesen sind, in drei Jahren um 23 Prozent auf mehr als 2.300 Kinder angewachsen.
  • Jeder zehnte Haushalt in Vorarlberg muss mehr als 40 Prozent des Haushaltsbudgets für Wohnkosten aufbringen. Im Österreichschnitt ist es nur jeder vierzehnte Haushalt. Das resultiert aus den überdurchschnittlich hohen Wohnkosten in Vorarlberg in Kombination mit unterdurchschnittlichen Haushaltseinkommen im untersten Einkommens-Zehntel.

„Es gibt leider wenig Anlass für Optimismus, dass diese Situation sich in den nächsten Jahren entspannt. Im Gegenteil – es ist zu befürchten, dass die Armut sich weiter verschärfen wird, wenn nicht entscheiden gegengesteuert wird“, befürchtet Walter Schmolly, dass die multiplen Krisen und die großen gesellschaftlichen Veränderungen die Armutsentwicklung weiter befeuern. „Zu diesen Krisenfolgen kommt verschärfend hinzu, dass viele Gehaltsabschlüsse für das Jahr 2026 die Teuerung nicht abdecken. Auch die Erhöhung des Ausgleichszulagenrichtsatzes, an dem sich die Mindestpensionen und die Sozialhilfe orientieren, liegt unterhalb der Jahresinflation.“ Wichtige Unterstützungsleistungen wie die Familienbeihilfe und die Wohnbeihilfe, sowie die Wohnbedarfssätze in der Sozialhilfe seien 2026 ebenfalls nicht indexiert worden.

„Für die betroffenen Familien und Haushalte bedeutet Armut, dass sie mit großen Entbehrungen leben müssen. Für Kinder bedeutet es, dass sie um Chancen umfallen und oftmals ein Leben lang an den Folgen zu tragen haben. Für die Gesellschaft bringt eine solche Entwicklung ein beträchtliches Maß an Verunsicherung mit negativen Auswirkungen in vielen Bereichen, bis hin zum sozialen Frieden“, zeigte der Caritasdirektor auf.

Die Entwicklungen im Bereich der Armut sind kein Schicksal. Wir können dagegenhalten.
Walter Schmolly hält der öffentlichen Hand zugute, dass viel getan werde, um Armut zu verhindern, beziehungsweise zu lindern. „Auch zivilgesellschaftlich wird viel wirksame Hilfe geleistet, im familiären und nachbarschaftlichen Umfeld, durch Spenden, Freiwilligen-Engagement, durch Vereine, Initiativen, Sozialeinrichtungen, aber auch in und durch Unternehmen.“ Aber angesichts der hohen Armutszahlen und weil eine weitere Verschlechterung zu befürchten sei, brauche es dringend zusätzliches Engagement, um dieser Entwicklung entgegenzutreten. „Denn Armut ist kein Schicksal, wir können und müssen etwas dagegen tun.“  

Die Caritas initiiert einen Bürger*innenrat 
Vorarlberg habe ein erprobtes und bewährtes Instrument, um in einem solchen Thema die Zivilgesellschaft zu stärken und einen Impuls zur Intensivierung des fachlichen und werteorientierten Diskurses zwischen Zivilgesellschaft, Expert*innen und Politik zu setzen, nämlich das Instrument des Bürger*innenrats. „Angesichts der vielen Herausforderungen erachten wir einen aktiven Dialog zu den Fragen wie wir den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärken können für wichtig. Als Caritas wollen wir uns dafür aktiv engagieren“, beschrieb Claudio Tedeschi, Leiter der Kommunikationsabteilung in der Caritas, den Hintergrund. 

Konstruktiver Dialog und gemeinsame Verantwortung
„Was muss sich ändern, damit nicht immer mehr Menschen aufgrund von Armut den Anschluss verlieren und vor allem Kinder um ihre Chancen umfallen? Wie gelingt es, gegen diese Entwicklung zu mobilisieren? Welche Werte, Kommunikation und Prozesse braucht ein breit getragenes Bündnis gegen die Armut? Was muss das unterste soziale Auffangnetz (Sozialhilfe) leisten?“, nannte Claudio Tedeschi die Themen, die dabei im Mittelpunkt stehen und auf die Antworten gesucht werden. „Es geht darum, gemeinsam ein Bild davon zu entwickeln, was ein soziales Netz leisten muss, das niemanden zurücklässt und gleichzeitig verantwortungsvoll mit den Ressourcen unserer Gemeinschaft umgeht.“ Der Bürgerrat erarbeite in Folge Empfehlungen für Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit.

Aufruf zur Beteiligung!
Voraussetzung für einen Bürger*innenrat ist, dass zumindest 1.000 Bürger*innen einen solchen fordern. Ab Mai steht die Unterstützungserklärung online und in Form physischer Unterschriftenlisten zur Verfügung, die Übergabe an das Land ist im Sommer geplant. Claudio Tedeschi: „Wir sehen das partizipative Instrument des Bürgerrates zur Orientierung und Standortbestimmung in einem breiteren gesellschaftlichen Austausch als wertvolle Möglichkeit für eine sachliche und gut moderierte Meinungsbildung, die Politik, Verwaltung und auch die zivilgesellschaftlichen Akteur*innen beraten soll.“ Und abschließend: „Mitwirkung schafft Verbundenheit und Verbundenheit ist die Grundlage für eine stabile, zukunftsfähige Solidargemeinschaft in unserem Land.“ Interessierte werden gebeten, sich unter konktakt(at)caritas.at zu melden, damit sie rechtzeitig zum Start die Unterstützungserklärung zugeschickt bekommen.

Zum Bürgerrat:
Der Bürgerrat ist ein mehrstufiges Beteiligungsformat, das seit 2013 in der Landesverfassung in Artikel 1 (Absatz 4) so verankert ist, dass neben Landtag und Landesregierung auch von Seite der Bürger und Bürgerinnen ein solcher initiiert werden kann. Voraussetzungen sind die Vorlage von mindestens 1.000 Unterstützungserklärungen in Vorarlberg wohnhafter Personen sowie eine Fragestellung, die allen Beteiligten eine Mitwirkung aufgrund ihrer Alltagserfahrungen ermöglicht. Für die Bestellung der Mitglieder wird aus dem Melderegister per Zufall eingeladen und dabei Kriterien wie Aufteilung nach Alter, Geschlecht, Region berücksichtigt. Die Teilnehmenden vertreten ihre persönliche Meinung, die Teilnahme erfolgt auf freiwilliger Basis. Zur Beratung in dem Gremium erhalten die Beteiligten fachliche Informationen. Im Anschluss an die eineinhalbtägigen Beratungen werden die Ergebnisse zu einem gemeinsamen Statement zusammengetragen und im einem Bürgercafé öffentlich präsentiert. Eine Resonanzgruppe aus Politik und Verwaltung prüft zudem die Vorschläge im Hinblick auf Umsetzbarkeit. Der Bürgerrat hat somit eine beratende Funktion und ermöglicht die ergänzende Sicht der Bevölkerung zur bestehenden Expertise aus Verwaltung und Politik!
 Wirkung der Caritas-Arbeit 2025 in Zahlen:
 

6.072       Menschen sind an den Caritas-Beratungsstellen in existenziellen finanziellen Nöten aufgefangen und beraten worden.

 

1.000*     Haushalten ist mit Lebensmittelgutscheinen und Überbrückungshilfen geholfen worden.

 

 

2.300*     Kinder leben in Familien, die an den Beratungsstellen unterstützt worden sind.

 

80 - 100   Personen suchen täglich Schutz und Wärme im Caritas-Café in Feldkirch. Ihnen wird auch ein Frühstück, beziehungsweise Mittagessen angeboten, zudem besteht die Möglichkeit zu duschen und die Kleidung zu waschen. Wichtig ist auch die wertschätzende Ansprache und Beratungsmöglichkeit.

 

200*        Menschen haben in der Notschlafstelle in Feldkirch Schutz und eine Übernachtungsmöglichkeit gefunden.

 

28            Familien mit ihren 39 Kindern haben im Familienhaus St. Michael ein Zuhause auf Zeit gefunden, um sich zu stärken und wieder Schritte in ihr eigenständiges Leben zu machen. 

 

319          Familien mit ihren knapp 700 Kindern war die Familienhilfe der Caritas eine wertvolle Entlastung in Krisen und besonderen Herausforderungen.

 

550          Kinder und Jugendliche finden in den 16 Lerncafés des Landes einen Ort zum Lernen und zum Entwickeln ihrer Persönlichkeit. 216 Freiwillige unterstützen durch ihre Zeit und Geduld.

 

485          Asylwerber*innen sowie 853 kriegsvertriebene Frauen, Männer und Kinder aus der Ukraine werden beim Ankommen und bei der Integration in Vorarlberg von der Caritas unterstützt.

 

1.000       Freiwillige in der Caritas sind für Menschen in verschiedenen Notlagen eine wertvolle und verlässliche Stütze.

 

(* Zahl gerundet)